Die prähistorische Evolution... ca 120.000 - 40.000 vor heute
Das Moustérien
Das Moustérien ist mehr als nur eine Epoche des europäischen Mittelpaläolithikums; es repräsentiert den primären archäologischen Beleg für die Erforschung der kognitiven Fähigkeiten und der komplexen Anpassungsstrategien des Neandertalers (Homo neanderthalensis). In einem zeitlichen Rahmen, der sich von circa 120.000 bis 40.000 Jahren vor heute erstreckt, entfaltet sich über weite Teile Eurasiens eine archäologische Kultur von bemerkenswerter Komplexität. Das heutige Verständnis des Moustérien ist das Ergebnis einer langen und dynamischen Forschungsgeschichte. Die Definition und Klassifikation dieser Epoche entwickelten sich parallel zu den Methoden der archäologischen Wissenschaft, wobei jede neue Phase der Forschung zu intensiven Debatten über die Interpretation der materiellen Hinterlassenschaften führte.
Forschungsgeschichte und Definition
des Moustérien...
Die Ursprünge des Begriffs gehen auf den französischen Prähistoriker Gabriel de Mortillet zurück, der die Bezeichnung Moustérien im Jahr 1872 in die Fachliteratur einführte. Er benannte die Epoche nach dem eponymen Fundort Le Moustier, einem Abri (Felsunterstand) im Vézèretal in der französischen Dordogne. Diese Fundstelle diente als Typprofil für die charakteristischen Steinartefakte dieser Zeit. Eine entscheidende Wende in der Erforschung des Moustérien markierten die Arbeiten von François Bordes ab den 1950er Jahren. Durch die Einführung einer empirischen und statistisch fundierten Typologie gelang es ihm, verschiedene Varietäten, sogenannte Faziestypen, innerhalb der Kultur zu differenzieren. Diese Unterscheidung basierte sowohl auf der prozentualen Zusammensetzung der Werkzeugtypen an einem Fundort als auch auf unterschiedlichen Herstellungstechniken.
Die Interpretation dieser Variabilität löste eine der zentralen wissenschaftlichen Debatten in der Paläolithikumforschung aus, die als Bordes-Binford-Debatte bekannt wurde. Die gegensätzlichen Paradigmen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Kulturelle Tradition (François Bordes): Bordes interpretierte die verschiedenen Faziestypen als Ausdruck unterschiedlicher, nebeneinander existierender Kulturen oder Traditionen der Neandertaler.
- Funktionale Anpassung (Lewis Binford): Binford argumentierte dagegen, dass die Unterschiede nicht kultureller, sondern funktionaler Natur seien. Die Werkzeugzusammensetzung spiegele unterschiedliche Aktivitäten (z. B. Jagd vs. Fellbearbeitung) wider, die als Anpassung an saisonale oder ökologische Bedingungen zu verstehen seien.
- Chronologische Entwicklung (Paul Mellars): Mellars schlug eine dritte Interpretation vor, die die Variabilität als Ergebnis eines internen, chronologischen Veränderungsprozesses innerhalb einer einzigen Kultur sah.
Diese fundamentalen Debatten über die Natur des Moustérien unterstreichen die Notwendigkeit, die Kultur in ihrem präzisen zeitlichen und ökologischen Kontext zu verankern.
Chronologischer und klimatischer Rahmen
Um die kulturellen Entwicklungen des Moustérien vollständig zu erfassen, ist eine Einordnung in den weitreichenden zeitlichen und ökologischen Kontext des späten Pleistozäns unerlässlich. Die technologischen und verhaltensbezogenen Anpassungen der Neandertaler können nur vor dem Hintergrund der dramatischen Umweltveränderungen dieser Epoche verstanden werden. Das Mittelpaläolithikum war von globalen Klimaschwankungen geprägt, die einen ständigen Wechsel von Kalt- und Warmzeiten mit sich brachten. Die Träger des Moustérien waren somit einer extrem dynamischen Umwelt ausgesetzt, die von ihnen eine hohe Anpassungsfähigkeit erforderte.
Eine direkte Konsequenz der kältesten Perioden war ein signifikanter Meeresrückzug, der die Küstenlinien weit ins Meer hinaus verschob. Dieses Phänomen hatte weitreichende geografische Auswirkungen und ermöglichte es den damaligen Menschen beispielsweise, die britischen Inseln trockenen Fußes zu erreichen. Diese sich wandelnden Umweltbedingungen bildeten den Hintergrund für die geografische Ausbreitung der Neandertaler-Kulturen.
Chronologie und kulturelle Assoziation
Das Moustérien im engeren Sinne, definiert durch die von Bordes klassifizierten Faziestypen, entwickelt sich im Zeitraum von circa 200.000 bis 40.000 Jahren vor heute. Technologisch betrachtet beginnt seine Entwicklung jedoch wesentlich früher: Bereits ab 300.000 Jahren vor heute löst es allmählich die ältere Kultur des Acheuléen ab, parallel zur Etablierung der fortschrittlichen Levalloistechnik.
- Homininen-Assoziation: In Europa ist das Moustérien eindeutig mit dem Neandertaler verbunden. Eine wichtige Differenzierung ergibt sich jedoch im Nahen Osten. Dort belegen Funde wie die aus den Höhlen von Qafzeh und Skhul, dass zunächst der frühe anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) Träger dieser Werkzeugkultur war. Später dann aber auch von Neandertalern, die zwischen 70.000 und 50.000 Jahren vor heute aus Westeuropa hinzugewandert waren.
- Übergangsindustrien: Gegen Ende des Moustérien, vor etwa 40.000 Jahren, kommt es in Europa zu einem kulturellen Übergang zum Jungpaläolithikum. Auf das Moustérien folgen das Châtelperronien und das Aurignacien. Während das Aurignacien dem modernen Menschen zugeschrieben wird, hat sich die Sicht auf das Châtelperronien grundlegend geändert. Basierend auf der Entdeckung eines Neandertalerskeletts in Saint-Césaire inmitten von Châtelperronien-Artefakten gilt diese Kultur heute als die letzte Werkzeugsindustrie der Neandertaler.
Geografische Verbreitung
Die geografische Ausdehnung des Moustérien ist bemerkenswert und unterstreicht die hohe Anpassungsfähigkeit der Neandertaler an unterschiedlichste Ökosysteme. Obwohl die Erforschung in verschiedenen Regionen ungleichmäßig intensiv war, lässt sich ein riesiges Verbreitungsgebiet skizzieren.
In Europa ist das Moustérien flächendeckend nachgewiesen, von Wales im Westen bis nach Russland im Osten und von Portugal im Süden bis an die nördliche Verbreitungsgrenze. Eine Ausnahme bilden die Mittelmeerinseln, die offenbar nicht besiedelt wurden. Die Nordgrenze des Verbreitungsgebiets wurde durch die maximale Ausdehnung der skandinavischen Gletscher während der Kaltzeiten definiert. Im Süden gilt es, die noch unklaren Verhältnisse zum nordafrikanischen Atérien aufzuklären, einer von anatomisch modernen Menschen geschaffenen Industrie.
Die Ausdehnung reichte weit über Europa hinaus. Funde belegen eine Verbreitung über den Ural nach Zentral- und Ostasien. Vergleichbare Industrien wurden beispielsweise in der Mongolei identifiziert. Ein entscheidender Beleg stammt aus der Höhle von Okladnikov im Altai-Gebirge: Genetische Analysen der dort gefundenen Knochenreste bestätigten die Anwesenheit von Neandertalern, deren assoziierte Artefakte die charakteristischen Merkmale des Moustérien aufweisen. Von dieser weiten räumlichen Verbreitung zeugen die charakteristischen Artefakte, die diese Kultur definieren.
Die materielle Kultur - Steinartefakte des Moustériens
Die Steinartefakte sind die primäre und beständigste Quelle für unser Verständnis der Technologie, der ökonomischen Strategien und der kognitiven Fähigkeiten der Neandertaler. Ihre Herstellung und Vielfalt zeugen von einem hohen Maß an Planung, Wissen und handwerklichem Geschick.
Generelle Charakteristika und Herstellungstechniken
Die Steinwerkzeuge des Moustérien basieren überwiegend auf Abschlägen und weisen eine große Formenvielfalt auf. Das typische Werkzeugspektrum umfasst:
- Schaber: In verschiedensten Ausführungen (Einfach-, Doppel-, konvergente Schaber) zur Bearbeitung von Fellen und Holz.
- Spitzen: Zur Verwendung als Spitzen für Jagdwaffen wie Speere.
- Kratzer: Zur Feinbearbeitung von Materialien.
- Gezähnte und eingebuchtete Klingen: Vermutlich für sägende oder schneidende Tätigkeiten.
- Kleinere, schmale Faustkeile: Als eine Weiterentwicklung älterer Formen, oft filigran gearbeitet.
Die Herstellung dieser Werkzeuge erfolgte mittels komplexer und vorausschauender Methoden. Die Levalloistechnik war hierbei vorherrschend. Bei dieser Technik wird der Kern (der Rohling) gezielt so vorbereitet, dass mit einem einzigen Schlag ein Abschlag von vorbestimmter Form und Größe abgetrennt werden kann. Dies erfordert ein hohes Maß an abstraktem Denken und Planung. Abnutzungsspuren an den Artefakten sowie seltene Funde natürlicher Klebstoffe (z. B. Birkenpech) belegen, dass viele dieser Werkzeuge geschäftet, also an einem Holz- oder Knochenschaft befestigt wurden. Mikroskopische Analysen der Schneidekanten bestätigen ihre vielseitige Verwendung zur Bearbeitung von Holz, frischen sowie getrockneten Fellen und pflanzlichem Material.
Die Faziestypen nach François Bordes
Auf der Grundlage seiner typologischen Analysen unterschied François Bordes mehrere Hauptfazies des Moustérien, die die interne Variabilität der Kultur widerspiegeln.
Typisches Moustérien
Diese Fazies ist durch einen hohen Anteil an Schabern und gelegentlichen Spitzen charakterisiert. Ihre Eigenständigkeit als Fazies wird in der Forschung in Frage gestellt, da sie negativ – also durch die Abwesenheit anderer spezifischer Werkzeugtypen – definiert wird, was ihre kulturelle Integrität debattierbar macht.
Gezähntes Moustérien
Das gezähnte Moustérien (Moustérien à denticulés) ist besonders charakteristisch für das späte Moustérien. Es wird von gezähnten und eingekerbten Abschlägen dominiert und stellt vermutlich das Ergebnis einer spezifischen Kombination aus ökonomischen, technischen und kulturellen Faktoren dar.
Moustérien des Charentetyps
Diese in der französischen Charente definierte Fazies unterteilt sich in zwei technologisch unterschiedliche Untergruppen:
- La-Quina-Typ: Charakteristisch sind sehr viele, dicke und oft gebogene Schaber sowie spezialisierte Werkzeuge wie Hackmesser. Diese Werkzeuge wurden ohne die Levalloistechnik hergestellt.
- La-Ferrassie-Typ: Die Werkzeugformen ähneln dem Quina-Typ, wurden aber mittels der Levalloistechnik gefertigt. Dies führt zu wesentlich zierlicheren und feineren Artefakten.
Moustérien de tradition acheuléenne (MTA)
Das MTA kennzeichnet das Endstadium des Moustérien. Die Bezeichnung ist irreführend, da es keine direkte Weiterentwicklung des Acheuléen darstellt. Typische Artefakte sind herzförmige Faustkeile und Messerklingen mit einem retuschierten Rücken. Bordes unterteilte das MTA weiter in:
- Typ A: Hoher Anteil an Faustkeilen, Schabern und Klingen mit Rücken.
- Typ B: Geringerer Anteil an Faustkeilen und Schabern, dafür mehr langgezogene Klingen. Bordes‘ Hypothese, dass das MTA eine Entwicklungsstufe hin zum Châtelperronien darstellt, wird heute in Frage gestellt, insbesondere da das Châtelperronien nun als eigenständige, späte Entwicklung der Neandertaler gilt und nicht zwangsläufig als lineare Fortsetzung des MTA.
Andere regionale Faziestypen
Neben diesen Haupttypen existieren zahlreiche weitere, regional beschränkte Faziestypen, die die kulturelle Vielfalt unterstreichen. Dazu gehören unter anderem: das Pontinien, das Taubachien, das Vasconien. Die Vielfalt dieser Werkzeugindustrien liefert wichtige Hinweise auf die daraus ableitbaren Verhaltensweisen der Menschen, die sie schufen.
Komplexe Verhaltensweisen und kognitive Fähigkeiten
Die archäologischen Befunde des Moustérien gehen weit über die reine Werkzeugherstellung hinaus. Sie gewähren Einblicke in hochentwickelte Überlebensstrategien sowie in eine komplexe soziale und symbolische Welt der Neandertaler, die lange Zeit unterschätzt wurde. Die Neandertaler waren keineswegs primitive Aasfresser, sondern hochgradig organisierte und vorausschauende Jäger und Sammler.
- Jagdstrategien: Funde belegen eine organisierte Jagd auf Großwild wie Ren, Wisent, Auerochs und Pferd. Dabei wendeten sie gezielte Techniken an, wie das Stellen von Tieren oder das Treiben in natürliche Fallen wie Felsklippen oder Schluchten.
- Ressourcenmanagement: Ein Beleg für Planung und Mobilität ist die gezielte Suche nach hochwertigem Feuerstein. Dieses Rohmaterial wurde teilweise über weite Strecken von bis zu 100 Kilometern transportiert, was auf ein tiefes Verständnis der Landschaft und ihrer Ressourcen hindeutet.
- Siedlungsweise: Die Siedlungsplätze wurden zunehmend ausgebaut. Archäologische Befunde umfassen Überreste von Hütten und konstruierten Feuerstellen, sowohl an Freilandfundplätzen als auch geschützt in Höhlen und unter Abris.
Symbolisches und rituelles Verhalten
Die Funde des Moustérien deuten stark darauf hin, dass die Neandertaler eine spirituelle oder ästhetische Dimension in ihrem Leben kannten, die sich in verschiedenen Praktiken manifestierte.
- Bestattungen: Bereits vor 100.000 Jahren gab es intentionelle Bestattungen. Mehrere Funde von Neandertalskeletten in Grabstätten, teilweise versehen mit rituellen Grabbeigaben wie Tierhörnern, legen nahe, dass sie sich mit dem Tod auseinandersetzten und spirituelle Vorstellungen hatten.
- Ästhetik und Sammeln: Die Neandertaler sammelten Objekte ohne offensichtlichen praktischen Nutzen, was auf ein ästhetisches Empfinden schließen lässt. Dazu gehören Ocker (vermutlich als Farbstoff), außergewöhnliche Fossilien und seltene Mineralien.
- Kunst und Gravuren: Es gibt zunehmend Belege für frühe Kunstformen. Dazu zählen nichtfigurative Ritzzeichnungen auf Knochen und Stein. In Gibraltar wurden die ältesten bekannten Petroglyphen (Felsritzungen) entdeckt, deren Alter auf mindestens 39.000 Jahre datiert wurde. Ein herausragender, wenngleich in seiner Intentionalität als Gesichtsdarstellung wissenschaftlich diskutierter Fund, ist die circa 75.000 Jahre alte Maske von La Roche-Cotard.
Die hohe Anpassungsfähigkeit und die komplexen Verhaltensweisen der Neandertaler werfen umso drängender die Frage nach den Gründen ihres späteren Verschwindens auf.
Fazit und Ausblick
Das Moustérien repräsentiert eine lange und erfolgreiche Phase der menschlichen Vorgeschichte, die maßgeblich durch die Kultur der Neandertaler geprägt wurde. Die wesentlichen Merkmale dieser Epoche sind ihre lange Dauer, die hohe technologische Kompetenz – manifestiert in der Levalloistechnik –, die bemerkenswerte interne Variabilität ihrer Werkzeugindustrien und die vielfältigen Belege für komplexe kognitive und soziale Verhaltensweisen. Die archäologischen Funde zeichnen das Bild einer vorzüglich an die extremen klimatischen Bedingungen der letzten Kaltzeit angepassten und hochentwickelten Menschenform, die über Zehntausende von Jahren erfolgreich überlebte.
Gerade die hier dargestellte Komplexität und der nachgewiesene Erfolg des Moustérien machen das Verschwinden der Neandertaler vor rund 30.000 Jahren zu einem der tiefgreifendsten und fesselndsten Rätsel der menschlichen Evolution. Ob ihr Ende mit dem Auftauchen des modernen Menschen und der Kultur des Aurignacien in Europa verknüpft ist, bleibt eine der zentralen, ungeklärten Fragen der Paläoanthropologie.
Mittelpaläolithikum
STECKBRIEF
01
Name
Moustérien
02
Alter
- Allgemein:000 bis 40.000 Jahre vor heute
- Entwicklung:Beginnt sich bereits im Zeitraum 200.000 bis 40.000 BP zu entwickeln
03
Namensgebung
Der Begriff „Moustérien“ leitet sich von der Fundstelle Le Moustier in der Dordogne, Frankreich, ab, wo wichtige Artefakte dieser Kultur entdeckt wurden. Die Bezeichnung wurde erstmals 1872 von Gabriel de Mortillet in die archäologische Literatur eingeführt.
04
Geografische Verbreitung
- Kerngebiet:Europa (von Portugal bis Russland, von Wales bis Griechenland)
- Osten:Zentralasien, russische Ebenen, Ural, Mongolei, Altai
- Süden:Naher Osten
- Norden:Bis zur Grenze der skandinavischen Vergletscherung
- Nicht vertreten:Mittelmeerinseln
05
Kulturelle Träger (Schöpfer der Werkzeuge)
- Europa:Assoziiert mit dem Neandertaler
- Naher Osten:Zunächst von frühem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) (130.000-80.000 BP), später von zugewanderten Neandertalern (70.000-50.000 BP)
06
Namensherkunft & Forschungsgeschichte
- Eponymer Fundort:Le Moustier (Dordogne, Frankreich)
- Einführung des Begriffs:Gabriel de Mortillet (1872)
- Wichtige Forschungsdebatte:Bordes-Binford-Debatte (1960er Jahre) über die Interpretation unterschiedlicher Werkzeug-Zusammensetzungen (verschiedene Kulturen vs. verschiedene Tätigkeiten)
07
Charakteristische Werkzeuge & Technologie
- Hauptrohmaterial:Feuerstein
- Kernproduktion:Vorherrschende Verwendung der Levallois-Technik
- Leitformen:Diverse Schaber (Einfach-, Doppel-, konvergente, gekrümmte Schaber)
- Weitere Werkzeugtypen:Pfeilspitzen, Kratzer, gezähnte und eingebuchtete Klingen, feingearbeitete (kleinere) Faustkeile
- Verwendung:Geschäftete Werkzeuge; Bearbeitung von Holz, frischen/getrockneten Fellen, pflanzlichem Material
08
Archäologische Fazies (nach François Bordes)
- Typisches Moustérien:Viele Schaber, gelegentliche Spitzen, definiert durch Abwesenheit von Faustkeilen/gezähnten Klingen
- Gezähntes Moustérien:Charakteristisch für Endstadium; v.a. gezähnte und eingekerbte Abschläge
- Moustérien des Charente-Typs:
- La-Quina-Typ:Dicke, gebogene Schaber, Hackmesser
- La-Ferrassie-Typ:Ähnliche Werkzeuge wie Quina, aber zierlicher durch Levalloistechnik
- Moustérien de tradition acheuléenne (MTA):Für Endstadium kennzeichnend; herzförmige Faustkeile, Messerklingen mit Rücken
09
Umweltbedingungen
- Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten (OIS 5e bis OIS 4)
- Bandbreite: Gemäßigtes Waldklima (Eem) bis Kalte Tundren (OIS 4)
- Bei Kaltzeiten: Meeresspiegelrückgang, Landverbindung zu den Britischen Inseln
10
Komplexe Verhaltensweisen & Innovationen
- Ökonomie:Organisierte Jagd auf Großwild (Ren, Wisent, Pferd); Transport von Rohmaterial über >100 km
- Siedlungswesen:Strukturierte Lagerplätze mit konstruierten Feuerstellen und Hütten (Höhlen, Abris, Freiland)
- Symbolisches Verhalten:Bestattungen der Toten (mit Grabbeigaben/Tierhörnern); Sammeln von Ocker, Fossilien, Mineralien
- Kunst & Ästhetik:Älteste bekannte Petroglyphen im anstehenden Gestein (Gibraltar, >39.000 BP); Ritzzeichnungen (z.B. „Maske von La Roche-Cotard“, ~75.000 BP)
11
Ende & Nachfolge
- Übergangsindustrien:Entwickeln sich im späten Abschnitt mit Kennzeichen des Jungpaläolithikums
- Folgekulturen in Westeuropa:
- Châtelperronien(38.000-32.000 BP) – wird späten Neandertalern zugeschrieben
- Aurignacien– Kultur des eingewanderten Homo sapiens
MITTELPALÄOLITHIKUM KULTUREN/ INDUSTRIEN
Gattungen im MittelPALÄOLITHIKUM
Literatur
- François Bordes: Typologie du Paléolithique ancien et moyen (= Cahiers du Quaternaire. Band 1, ZDB-ID 780170-1). 2 édition. Éditions du Centre national de la recherche scientifique, Paris 1979.
- Jacques Jaubert: Chasseurs et artisans du Moustérien. La Maison des Roches, Paris 1999, ISBN 2-912691-05-2.
- R. G. Klein: Mousterian Cultures in European Russia. In: Science. 165, 257 (1969).
- Johannes Krause, Ludovic Orlando, David Serre, Bence Viola, Kay Prüfer, Michael P. Richards, Jean-Jacques Hublin, Catherine Hänni, Anatoly P. Derevianko, Svante Pääbo: Neanderthals in central Asia and Siberia. In: Nature. Band 449, Nr. 7164, 2007, S. 902–904, doi:10.1038/nature06193.
- Marcel Otte: Le paléolithique inférieur et moyen en Europe (= Collection U. Band 293). Masson & Armand Colin, Paris 1996, ISBN 2-200-01389-2.
- Bernard Vandermeersch, Bruno Maureille (Hrsg.): Les Néandertaliens. Biologie et cultures (= Documents préhistoriques. Band 23). Éditions du Comité des travaux historiques et scientifiques, Paris 2007, ISBN 978-2-7355-0638-5.