Die prähistorische Evolution... ca. 5400 bis 3900 v.Chr.
Ertebølle-Kultur
Weit mehr als ein bloßer Name in den Chroniken der Vorgeschichte ist die Ertebølle-Kultur, jene faszinierende südskandinavische Steinzeitgesellschaft, welche die Epoche zwischen dem ausgehenden Mesolithikum und dem Einzug der Jungsteinzeit prägte. Von etwa 5400 bis 3900 vor unserer Zeitrechnung existierte dieses Gemeinwesen entlang der Küsten, an Seen und Bächen ein Volk, das sich die maritime Lebenswelt erschloss, wie nur wenige Kulturen zuvor.
Es waren die charakteristischen Küchenabfälle, die sogenannten „Køkkenmøddinger“, welche den Archäologen unvergessliche Einblicke in den Alltag dieser Fischer und Sammler gewährten. Diese Muschelhaufen, oft über Jahrhunderte an denselben Orten gewachsen, zeugen von einer bemerkenswerten Siedlungskontinuität: Über 1000 bis 1500 Jahre hinweg kehrten die Menschen immer wieder an dieselben Plätze zurück, ein Indiz für die Beständigkeit ihrer Lebensweise und die Fülle der natürlichen Ressourcen. Der namensgebende Fundort Ertebølle selbst liegt am östlichen Ufer des Limfjords in Jütland, nahe der heutigen Ortschaft Farsø. Dort offenbarte sich den Forschern zwischen 1893 und 1897 sowie erneut von 1979 bis 1984 ein außergewöhnliches Zeugnis vergangener Nahrungszubereitung: Ein beeindruckender Muschelhaufen von 140 Metern Länge, 30 bis 40 Metern Breite und stellenweise bis zu 1,5 Metern Höhe. Dieses monumentale Abfalllager barg nicht nur unzählige Speisereste von Austern, Herzmuscheln und anderen Meeresfrüchten, sondern auch eine Vielzahl von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, von scharfkantigen Mikrolithen bis zu kunstvoll gearbeiteten Knochengeräten, die ein lebendiges Bild vom handwerklichen Geschick dieser Epoche zeichnen.
In der Wissenschaft wird diese spätmesolithische Gesellschaft heute überregional betrachtet. Während sie in Dänemark als „Ertebølle-Kultur“ firmiert, hat sich im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Ertebølle-Ellerbek-Kultur“ etabliert – ein Hinweis auf den zweiten bedeutenden Fundplatz bei Ellerbek in Schleswig-Holstein. Ihre räumliche Ausdehnung erstreckte sich über weite Teile Dänemarks und Norddeutschlands, wobei die Chronologie in Quellen gelegentlich mit den abweichenden Jahreszahlen „5300 bis 4100 v. Chr.“ angegeben wird. Als direkte Vorgängerin ging die Maglemose-Kultur voraus, deren Jäger traditionell noch stärker im Binnenland verhaftet waren. Die Ertebølle-Menschen hingegen vollzogen einen entscheidenden Wandel: Sie spezialisierten sich auf die Ausbeutung der Küstenökosysteme, perfektionierten den Fischfang und die Robbenjagd, und entwickelten eine Kultur, die noch lange nach ihrem Verschwinden fortwirken sollte bis sie schließlich von den ersten bäuerlichen Gesellschaften der Trichterbecherkultur abgelöst wurde.
Die facettenreichen Wohnplätze der Ertebølle-Kultur
Von Muschelhügeln, versunkenen Siedlungen und spezialisierten Werkstätten an Nord- und Ostsee
Die Erforschung der Wohnareale dieser spätmesolithischen Gemeinschaft stützt sich auf ein beeindruckendes Netz von Fundplätzen, die sich bevorzugt entlang der Küstenlinien des heutigen Dänemark und Norddeutschlands erstrecken. Zwar sind die Lagerplätze wie „Dyrholmen“ oder „Smakkerup Huse“ überwiegend vom Meeresufer her bekannt, doch der wahre Schlüssel zu ihrer Entdeckung liegt in einem Phänomen, das bereits die Altertumsforscher des 19. Jahrhunderts in seinen Bann zog: den gewaltigen „Køkkenmøddingern“ – Abfallhügeln, die fast ausschließlich aus Muschel- und Schneckenschalen bestehen und als Küchenabfälle einzigartige Einblicke in den Speiseplan unserer Vorfahren gewähren. Ein bemerkenswertes Zeugnis der kulturellen Kontinuität bietet die Tatsache, dass diese riesigen Schalenhaufen keineswegs nur von den Ertebølle-Menschen selbst genutzt wurden. Vielmehr suchten auch die Träger der nachfolgenden neolithischen Trichterbecherkultur diese Orte immer wieder auf – archäologische Befunde aus „Åmølle“, „Krabbesholm“, „Norsminde“ und „Visborg“ belegen diese spätere Nachnutzung eindrucksvoll.
Das Spektrum der bekannten Siedlungsareale erweist sich als äußerst vielgestaltig. Neben den markanten Küstenstationen existierten gleichermaßen Binnenland-Camps und spektakuläre, heute unter der Wasseroberfläche liegende Wohnplätze. Zu den herausragenden Vertretern dieser Kategorie zählen „Muldbjerg I“ im Moorgebiet „Åmose“ auf Seeland, das vielschichtige „Ringkloster“ im Landesinneren, die inselartigen Fundstellen „Nekselø“ und „Møllegabet“, sowie die Küstenabschnitte „Næbbet“ und das berühmte „Tybrind Vig“, letzteres berühmt für seine hervorragend konservierten Holzfunde. Auch nördlich der deutschen Grenze, in Mecklenburg, stoßen Forscher auf bedeutende Spuren, etwa an den Lokalitäten „Timmendorf-Nordmole“ und „Jäckelberg-Nord“, während „Ellerbek“ in Schleswig-Holstein der Namensgeber für die hiesige Variante der Kultur wurde. Vergleichbare Muschel-Abfallberge tauchten übrigens an zahlreichen Küsten des atlantischen Europas auf, was auf ein verbreitetes Wirtschaftsmuster hindeutet. Eine faszinierende Ausnahme bildet jedoch die schleswig-holsteinische Ostseeküste: Hier fehlen derartige Haufen gänzlich – die Wissenschaft vermutet, dass sie im Zuge der postglazialen Landsenkung dauerhaft überflutet wurden und bis heute unter der Meeresoberfläche schlummern. Die ersten archäologischen Zeugnisse dieser Kultur auf deutschem Boden traten übrigens vollkommen unerwartet bei den Ausbaggerungsarbeiten des Kieler Hafens zutage ein Zeitraum, der sich von „1876 bis 1903“ erstreckte. Als eine der jüngsten und bemerkenswertesten Entdeckungen gilt hingegen ein exquisites Paddelblatt, das bei „Baabe auf Rügen“ geborgen wurde und die herausragende maritime Tradition dieser Epoche einmal mehr unterstreicht.
Besonders aufschlussreich für das Verständnis ihrer Sozialstruktur ist die erkennbare Aufteilung der Siedlungen in klar voneinander abgegrenzte Funktionszonen. Dieses Muster einer räumlichen Arbeitsteilung offenbart sich etwa bei den sogenannten Kabinen von „Lollikhuse“ im „Roskilde-Fjord“, dort fertigten die Bewohner ihre Beinwerkzeuge sowohl innerhalb der Behausungen als auch unmittelbar vor deren Türen. Noch spezifischer zeigt sich die Organisation an einem Ort etwas abseits einer dieser Hütten – Archäologen dokumentierten hier eine regelrechte Feuerstein-Werkstatt mit mehr als „5.000“ abgeschlagenen Splittern und Klingen. Das Fundinventar dieser speziellen Zone bestand überwiegend aus Bruchstücken von Querschneidepfeilen, typischem Produktionsabfall aus deren Herstellung, sowie vereinzelten Eierschalen-Spänen, die von der Fertigung von Kernbeilen zeugen, ein klarer Beleg für hochspezialisierte Handwerker, die mitten im Siedlungsalltag ihre präzisen Werkzeuge serienweise anfertigten.
Die ersten Tongefäße der Ertebølle-Kultur
Spitzböden, Schmalzlampen und fremde Einflüsse – wie Jäger und Sammler die Töpferei im Norden etablierten
Beginnen wir mit einem stillen, aber epochemachenden Wandel im Alltag der spätmesolithischen Bevölkerung Norddeutschlands. Während Jagd und Fischerei weiterhin das Überleben sicherten, hielt im Verlauf der Ertebølle-Kultur ein völlig neues Handwerk Einzug, die Herstellung von Keramik. Diese Innovation manifestierte sich zunächst in Form schlicht gehaltener, spitz zulaufender Gefäße, die aufgrund ihrer ungewöhnlichen Bodenform nicht eigenständig stehen konnten, sowie praktische Tonlampen, die den dunklen Hütten ein warmes Licht verliehen. Doch woher rührte dieses plötzliche handwerkliche Geschick? Die Wurzeln dieses Know-hows liegen offenbar nicht im Süden bei den frühen Ackerbauern, sondern gehen auf Impulse aus den baltischen Regionen zurück, wo die verwandte Narva-Kultur bereits ähnliche Techniken pflegte. Zudem bestehen Verbindungen zu den südlich angrenzenden Gebieten, die als Vermittler dieser Fertigkeiten infrage kommen.
Besonders früh entwickelte sich die Keramiktradition am Fundplatz „Schlamersdorf“ im Kreis Segeberg, die dort geborgene Spitzböden belegen ein überraschend hohes Alter: Sie datieren auf die Zeit um „5300 bis 5200 vor Christus“ und gelten damit als die älteste Töpferware der gesamten Ertebølle-Kultur. Ein herausragendes Exemplar überraschte die Fachwelt sogar mit einer zarten Randverzierung, bestehend aus sorgfältig gesetzten Fingernageleindrücken und winzigen Einstichen, ein ästhetischer Akzent, der die reine Zweckform überwindet. Nicht weit entfernt, ebenfalls im „Kreis Segeberg“ gelegen, förderte die Ausgrabung in „Seedorf“ zwar zeitlich später anzusetzende Funde zutage, sie datieren grob um „4900 bis 4800 v. Chr.“, doch fügen sie sich nahtlos in das Bild einer sich etablierenden handwerklichen Tradition ein. Im Vergleich dazu vollzog sich der Durchbruch dieser Technik im eigentlichen „Südskandinavien“ mit einer merklichen Verzögerung, dort treten die ersten keramischen Zeugnisse erst etwa um „4600 v. Chr.“ in Erscheinung, was auf eine langsame, aber beständige Nordwärtsausbreitung des neuen Wissens hindeutet. Bei der Fertigung griffen die Steinzeittöpfer auf die bewährte „Wulst- oder Schrägaufbautechnik“ zurück, bei der Tonwülste schraubenförmig übereinandergelegt und verstrichen wurden. Die Wandung der Geschirre wies dabei eine Dicke von fünf bis fünfzehn Millimetern auf, ein beachtliches Spektrum, das von feinwandigen Trinkgefäßen bis zu robusten Kochtöpfen reichte.
Um die Mitte der kulturellen Entwicklung, ebenfalls um „4600 v. Chr.“, erweiterten die Handwerker ihr Repertoire signifikant, neben den bereits bekannten spitzen Tongefäßen kamen nun „bootsförmige Schmalzlampen“hinzu, ein Beleg für die Nutzung von Tierfett als Lichtquelle in den langen, finsteren Wintermonaten. Die spitzbodigen Gefäße selbst variierten fortan stark in ihren Dimensionen, das Spektrum reichte vom handlichen kleinen Becher über mittelgroße Vorratsgefäße bis hin zu stattlichen Großbehältern, die vermutlich zur Lagerung von Nahrungsvorräten dienten. Während viele dieser Objekte schmucklos blieben und ihre Funktion in den Vordergrund stellten, zeigen regionale Stile deutliche ästhetische Ambitionen. So sind beispielsweise in Siedlungen auf der dänischen Halbinsel „Djursland“ und in der schwedischen Provinz „Schonen“ aufwendig verzierte Stücke ans Licht gekommen. Hier schmückten Punktreihen und fein eingeschnittene Linien die Oberflächen der Tongefäße, ein dekorativer Aufwand, der über den reinen Gebrauchswert hinausgeht und auf einen wachsenden Symbolgehalt dieser neuartigen Objekte schließen lässt.
Handwerkskunst, Jagd und Maritime Technik
Von Feuersteinschabern, Ulmenbögen und unterwasserarchäologischen Sensationen
Im Zentrum des handwerklichen Könnens dieser spätmesolithischen Gemeinschaft stand die Verarbeitung von Feuerstein. Die Menschen der Ertebølle-Kultur nutzten das spröde Gestein auf äußerst effiziente Weise, um daraus vielseitige Schneidwerkzeuge zu fertigen, allen voran die sogenannten Spalten, die als scharfe Klingen für unterschiedlichste Arbeiten dienten. Besonders bemerkenswert ist die angewandte Technologie: Die Herstellung erfolgte mittels „indirekter Schlagtechnik“, einem raffinierten Verfahren, bei dem kein direkter Schlag auf den Feuersteinblock erfolgte. Stattdessen platzierten die Handwerker ein Zwischenstück aus „Rotwildgeweih“ zwischen Hammerstein und der Plattform des Feuersteinkerns, ein Präzisionsakt, der kontrollierte und reproduzierbare Abschläge ermöglichte und von tiefem Verständnis für die Materialeigenschaften zeugt.
Ein ebenso zentraler Bestandteil des täglichen Lebens war die Verarbeitung von Tierhäuten zu haltbaren Pelzen und weichem Leder, eine Tätigkeit, die archäologische Befunde überwiegend mit den weiblichen Mitgliedern der Gemeinschaft in Verbindung bringen. Die archäologische Fundstelle „Ringkloster“ liefert hierfür aufschlussreiche Belege, dort entdeckte man spezielle Messer aus Rippenknochen, die eindeutig zum Abhäuten erlegter Tiere dienten. Nach diesem ersten Arbeitsschritt folgte das gründliche Abkratzen der Häute mit scharfkantigen Feuersteinschabern, ehe der eigentliche Gerbprozess einsetzte, ein chemisch aufwendiges Verfahren, das vermutlich pflanzliche Gerbstoffe oder die Einwirkung von Rauch erforderte. Das anschließende Zusammennähen der gegerbten Felle erfolgte mit einem einfachen, aber effektiven Werkzeug: den sogenannten „Beinpfriemen“. Diese spitzen Knochengeräte dienten gleich zweifach, sowohl zum Vorstechen der Löcher im Leder als auch zum Durchziehen der Fäden, denn auf separate Nähnadeln verzichteten die Ertebølle-Handwerker offenbar gänzlich.
Jagd- und Fischfangtechnik
Eine maritime Erfolgsgeschichte
Die herausragende Anpassung an die Küstenökosysteme spiegelt sich eindrucksvoll in der Vielfalt der Fanggeräte wider, die bei spektakulären „Unterwasserausgrabungen“ zutage gefördert wurden. Das Repertoire umfasst sorgfältig gefertigte Angelhaken, massive Fischspeere, komplexe Fischzaunanlagen, engmaschige Netze samt dazugehörigen Senkern und Schwimmern, Querangeln sowie durchdacht konstruierte Reusen. Hinzu kommen die Überreste von Booten und Paddeln, die den Menschen dieser Epoche eine bemerkenswerte Mobilität auf dem Wasser ermöglichten – ein entscheidender Vorteil für die Erschließung reicher maritimer Ressourcen. Für die Jagd an Land vertrauten die Ertebølle-Jäger auf Pfeil und Bogen. Zwar stammen die bekanntesten Exemplare dieser Waffengattung aus „Holmegård auf der dänischen Insel Seeland“, doch gehören sie zeitlich noch der vorgelagerten Kongemose-Kultur an. Dennoch existieren mehrere bedeutende Bogenfunde, die eindeutig der Ertebølle-Periode zuzuordnen sind: In „V. Ageröd in Südschweden“, datiert in das atlantische Klimaoptimum mit einer C14-Zeitspanne von „6860 bis 6540 BP“, entdeckten Archäologen gleich mehrere Exemplare: einen nahezu vollständigen „Flachbogen aus Ulmenholz“ mit einer Länge von etwa 170 Zentimetern, das Fragment eines weiteren Flachbogens gefertigt aus „Eberesche“ (Vogelbeerbaum), der noch 61,7 Zentimeter misst, sowie einen „Stabbogen“, letzterer wird von Forschern wie Bergman als weniger effizient eingestuft, möglicherweise ein Übungsstück für jugendliche Jäger.
Vom dem dänischen Fundplatz „Ringkloster“ liegen Bögen aus einem weiten Zeitfenster zwischen „5400 und 3550 vor Christus“ vor. Und die sensationelle Unterwasserfundstelle „Tybrind Vig“ lieferte einen weiteren beeindruckenden Beleg: einen circa 160 Zentimeter langen Flachbogen aus Ulme, der in die Zeitspanne von „4600 bis 3200 v. Chr.“ datiert wird. Aufgrund der bemerkenswerten Übereinstimmungen in Konstruktion und Maßverhältnissen dieser Waffen betrachten Experten den „Flachbogen mit D-förmigem Querschnitt“ heute als eine Art mesolithischen Standardtyp, der über Generationen hinweg unverändert weitergegeben wurde.
Eine Wirtschaft im Wandel
Zwischen Küste, Wald und offenem Meer
Die ökonomische Basis dieser spätmesolithischen Gesellschaft offenbart ein bemerkenswertes Zusammenspiel verschiedener Nahrungsquellen, wobei die Ausbeutung aquatischer Ressourcen – zumindest saisonal – eine herausragende Bedeutung einnahm. Dies belegen eindrucksvoll die archäozoologischen Analysen, die aus vierzehn Küsten- und zwei Binnenlandsiedlungen nahezu „100.000 Fischgräten“ identifizieren konnten. Die taxonomische Vielfalt dieser Funde ist schier überwältigend: Insgesamt ließen sich **41 verschiedene Meeresfischarten** sowie „15 Süßwasserfischarten“ nachweisen – ein Beleg für die außergewöhnliche Bandbreite der Fangtechniken und die intime Kenntnis der lokalen Gewässerökosysteme. Die fangtechnische Palette der Fischer reichte dabei von den begehrten **Seefischen wie Dorsch und Plattfisch** über Muscheln bis hin zu den Bewohnern der Binnengewässer, wo Barsche und Hechte zu den regelmäßigen Beutetieren zählten. Ergänzt wurde dieses maritime Angebot durch die systematische Jagd auf Meeressäuger – **Robben, Seehunde und Tümmler** zählten ebenso zum Speiseplan wie die großen Landsäugetiere. In den markanten **Muschelhaufen Jütlands** finden sich neben den charakteristischen Schalenresten auch die Skelettreste von „Rothirsch, Wildrind, Reh und Wildschwein“, was die gemischte Wirtschaftsweise dieser Küstenbewohner eindrucksvoll dokumentiert. Zur Erlegung der Tiere setzten die Jäger auf die bewährte Kombination aus **Pfeil und Bogen“ sowie den treuen Begleiter des Menschen – den „Hund“, der als Fährtenleser und Apportierer unverzichtbar war. Besonders aufschlussreich sind jedoch die vorsichtigen Hinweise auf einen beginnenden Wandel: Es mehren sich die archäologischen Indizien für eine „initiale Neolithisierung“, wobei vereinzelte Belege für eine frühe Form der Tierhaltung existieren – ein stiller Vorbote des tiefgreifenden Umbruchs, der die Lebensweise der Region in den folgenden Jahrhunderten vollständig verändern sollte.
Die maritime Sensation von Tybrind Vig: Ein Einbaum aus der Tiefe
Ein archäologisches Juwel der besonderen Art birgt der Unterwasserfundplatz „Tybrind Vig“ vor der dänischen Insel Fünen – ein Ort, der als erste mittels Taucharchäologie erschlossene Wohnstätte Dänemarks internationale Berühmtheit erlangte. Rund 300 Meter vom damaligen Strand entfernt, in heute etwa drei Metern Meerestiefe, stießen die Forscher auf ein nahezu vollständig erhaltenes Wrack: einen Einbaum von imposanten 9,50 Metern Länge und 0,65 Metern Breite, der zusammen mit einem Bruchstück vom Heck eines hochbordigen Bootes aus der Tiefe geborgen wurde. Das Inventar dieses Wasserfahrzeugs offenbart höchste handwerkliche Fertigkeiten: Die dazugehörigen Paddel, aus zähem Eschenholz gefertigt, besitzen ein charakteristisches herzförmiges Ruderblatt und einen hölzernen Schaft von über einem Meter Länge. Besonders bemerkenswert ist dass, zwei dieser Paddel kunstvolle Verzierungen auf ihren Blättern tragen. Zeugnisse einer Ästhetik, die weit über den reinen Gebrauchszweck hinausgeht und auf eine tiefe symbolische Bedeutung dieser Fortbewegungsmittel schließen lässt. Diese spektakulären Funde unterstreichen die herausragende maritime Expertise der Ertebølle-Kultur und ihre Fähigkeit, sich die Küstenund Meeresressourcen in einer Weise zu erschließen, die über Generationen hinweg eine stabile und nahrhafte Lebensgrundlage sicherte – bis der Übergang zur bäuerlichen Wirtschaftsweise eine neue Ära in der Geschichte Skandinaviens einleitete.
Jenseits des Lebens
Die faszinierende Bestattungskultur der Ertebølle-Zeit
Der Tod war für die Menschen der Ertebølle-Kultur kein einsames Ereignis. Bereits aus dem älteren Abschnitt dieser Epoche liegen zahlreiche Zeugnisse vor, die von einer differenzierten Bestattungspraxis berichten. Zu den bedeutendsten Fundplätzen zählen „Bøgebakken im Vedbæk-Fjord“, „Strøby Egede südlich von Køge“, „Dragsholm in Westseeland“ sowie „Fannerup F und Nederst auf der Halbinsel Djursland“. Auch südlich des heutigen Schwedens, in Skateholm in Scania, kamen mehrere Gräberfelder ans Licht, die ein ähnliches Bild vermitteln. Die Bestattungen dieser frühen Phase zeigen eine bemerkenswerte soziale Breite: Kinder, Frauen und Männer jedes Alters fanden hier ihre letzte Ruhe , entweder als Individuumbestattungen oder in gemeinschaftlichen Grabstätten, die mehrere Verstorbene vereinten. Die sterblichen Überreste wurden sorgfältig niedergelegt, wobei besondere Aufmerksamkeit den Grabbeigaben galt. Ergänzend zu diesen Fundstellen sind von “Gøngehusvej“ zudem Feuerstellen bekannt, die möglicherweise im Rahmen von Bestattungsritualen eine Rolle spielten.
Archäologische Indizien deuten auf regelmäßigen Kontakt und Austausch mit den südlich gelegenen Bauerngemeinschaften hin, ein Einfluss, der sich auch in der Sepulkralkultur niederschlug. In dieser jüngeren Periode verlegten die Menschen ihre Bestattungen zunehmend in die markanten „Muschelhaufen“, wo sich die Toten quasi inmitten der Überreste ihres alltäglichen Lebens zur letzten Ruhe betteten. Bedeutende Gräberfelder dieser Phase sind vor allem von „Vedbæk“ erneut der Fundplatz „Bøgebakken“ sowie von den beiden Fundarealen „Skateholm I und II“ bekannt, die zu den am besten untersuchten Friedhöfen Nordeuropas zählen. Wegweisende neue Erkenntnisse brachten die aufwändigen Unterwasserausgrabungen von Tybrind Vig in der Nähe vonMiddelfart auf Fünen zwischen 1978 und 1987, wo unter anderem eine Doppelbestattung zutage gefördert wurde – ein seltenes Zeugnis für die gleichzeitige Beisetzung zweier Individuen. Ein außergewöhnlicher Fund gelang zudem an der „Køge-Bucht“ bei „Raymond Terrace“: Dort entdeckten die Forscher ein „Kollektivgrab mit acht Toten“, das auf etwa 4600 vor Christus datiert werden konnte.
Was die Gräber verraten
Sesshaftigkeit und soziale Unterschiede
Die Existenz von Friedhöfen wie denen in „Vedbæk und Skateholm“ verleiht den zugehörigen Siedlungen einen festen, ja fast „sitzenden“ Charakter ein Merkmal, das über die reine Jäger und Sammler Identität hinausweist und auf eine zunehmende Bodenständigkeit dieser Gemeinschaften schließen lässt. Die Grabbeigaben zeichnen ein differenziertes Bild sozialer Strukturen, während in einigen Gräbern roter Ocker ein eisenoxidhaltiges Farbpigment sowie sorgfältig platzierte „Hirschgeweihe“ gefunden wurden, fehlen diese Objekte in anderen Bestattungen völlig. Diese Ungleichverteilung lässt auf „soziale Unterschiede“ innerhalb der Gemeinschaft schließen, wobei die genauen Kriterien für diese Auszeichnung sei es Status, Alter oder besondere Verdienste bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen sind.
Ein besonderer Einblick in die Geschlechtervorstellungen dieser Epoche ergibt sich aus der differenzierten Behandlung von Frauen und Männern im Tod. Die weiblichen Verstorbenen trugen oft Halsketten und Gürtel aus Tierzähnen und Muscheln, aufwendiger Schmuck, der nicht nur als Statusymbol, sondern auch als Ausdruck einer Wertschätzung des Geschlechtsdimorphismus gedeutet werden kann. Die Toten wurden nicht in einer standardisierten Körperhaltung niedergelegt; vielmehr variierte die Positionierung von Individuum zu Individuum. Gleichermaßen praktizierte man sowohl die Körperbestattung als auch die Einäscherung ein Nebeneinander unterschiedlicher Rituale, das auf verschiedene Glaubensvorstellungen oder regionale Traditionen hindeuten könnte.
Einen archäologischen Höhepunkt bildet die Fundstelle „Møllegabet“, wo man die Überreste einer Person innerhalb eines Bootes oder Unterstandes entdeckte, eine Bestattungsform, die von manchen Forschern als frühester Beleg für die skandinavische Tradition der Bootsbestattungen angesehen wird. Diese Interpretation ist von großer Tragweite, denn sie würde die Wurzeln eines Phänomens, das später in der Wikingerzeit seine fulminante Vollendung fand, bis in die Steinzeit zurückverfolgen. Die Vielfalt der Bestattungspraktiken von einfachen Erdgräbern über kollektive Muschelhaufen Bestattungen bis hin zu Bootsgräbern zeugt von einer reichen und vielschichtigen Jenseitsvorstellung, die den Menschen der Ertebølle-Kultur ein würdiges Geleit ins Unbekannte sicherte und uns heute tiefe Einblicke in ihre soziale Ordnung, ihre Werte und ihre Beziehung zur maritimen Welt gewährt.
Spätmesolithikum (Jungsteinzeitlicher Übergang)
STECKBRIEF
01
Name
Ertebølle-Kultur
02
Alter
ca. 5400–3900 v. Chr. (alternativ: 5300–4100 v. Chr.)
03
Lebensraum
Dänemark, Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Mecklenburg), Südschweden
04
Entdeckung
Erste Funde: 1876–1903 bei Ausbaggerung des Kieler Hafens
Erste große Ausgrabung: Ertebølle (1893–1897 und
1979–1984)
Moderne Methoden: Taucharchäologie (Tybrind Vig ab 1978),
Isotopenanalysen
05
Siedlungen & Wohnplätze
– Lage:Vorwiegend an Küsten, aber auch an Seen und Bächen
– Charakteristisch: Køkkenmøddinger (Küchenabfallhaufen aus Muschelschalen)
– Bekannte Fundplätze:
Dänemark: Ertebølle, Mejlgård, Dyrholmen, Tybrind Vig, Ringkloster, Muldbjerg I, Nekselø, Møllegabet, Næbbet, Smakkerup Huse, Åmøse
Deutschland: Timmendorf-Nordmole, Jäckelberg-Nord (Mecklenburg), Ellerbek (Schleswig-Holstein)
– Besonderheit: Siedlungskontinuität über 1000–1500 Jahre an gleicher Stelle
– Siedlungsstruktur: Aufteilung in Funktionszonen (Wohnbereiche, Werkstätten)
06
Merkmale
- Der Schädel von LB1 zeigt eine ungewöhnliche Kombination von Merkmalen, darunter Schädel- und Zahnmerkmale ähnlich denen von Homo ergaster sowie archaische Handwurzelknochen.
- Die Gehirngröße von Homo floresiensis wird auf etwa 380 bis 426 cm³ geschätzt, was im Vergleich zu Homo erectus deutlich kleiner ist.
- Die Körpergröße von Homo floresiensis wird auf etwa einen Meter geschätzt, und das Körpergewicht wird auf 16 bis 29 Kilogramm geschätzt.
- Die Fußknochen weisen eine ungewöhnliche Länge und Flachheit auf, was auf eine angepasste Gangart hinweist.
07
Wirtschaft & Ernährung
Maritime Ressourcen (Hauptnahrungsquelle):
– Fisch: Kabeljau,
Plattfische, Aale, Barsche, Hechte– Meeressäuger:
Robben, Seehunde, Tümmler (Wale)– Muscheln &
Austern, Algen, Strandpflanzen– Jagd: Rothirsch,
Reh, Wildschwein, Elch, Auerochse– Sammelgut:
Haselnüsse, Eicheln, Hartriegel, Weißdorn, Wurzeln– Fangtechniken: Angelhaken, Netze, Reusen, Speere,
Fischzäune, Fischspeere– Boote: Einbäume (z.B. Tybrind Vig: 9,5 m lang), Paddel
aus Eschenholz– Tierhaltung: Frühe Formen der Bewirtschaftung
(Wildschweinfütterung), Hunde als Jagdhelfer
08
Handwerk & Technologie
Feuersteinbearbeitung: Indirekte Schlagtechnik mit Rotwildgeweih als Zwischenstück
– Typische Werkzeuge: Querschneidige Pfeilspitzen, Spalten (Schneidwerkzeuge), Schaber
– Keramik: Früheste Gefäße: 5300–5200 v. Chr. (Schlamersdorf)
– Spitzbodige Gefäße, Tonlampen
– Technik: Wulst- und Schrägaufbautechnik (5–15 mm Wanddicke)
– Ab 4600 v. Chr.: Bootsförmige Schmalzlampen, verzierte Gefäße in Djursland und Schonen
– Knochen- & Geweihverarbeitung: Angelhaken, Harpunen, Pfrieme, Messer aus Rippenknochen
09
Bestattungswesen
Ältere Phase: Bøgebakken (Vedbæk), Strøby Egede, Dragsholm, Fannerup F, Skateholm
– Jüngere Phase: Bestattungen in Muschelhaufen, Gräberfelder in Vedbæk und Skateholm I+II
– Besondere Funde: Doppelbestattung in Tybrind Vig (Fünen, 1978–1987 ausgegraben). Kollektivgrab mit 8 Toten in Raymond Terrace (Køge-Bucht, ca. 4600 v. Chr.)
– Bootsbestattung in Møllegabet (möglicherweise ältester Beleg Skandinaviens)
– Grabbeigaben: Roter Ocker, Hirschgeweihe, Halsketten/Gürtel aus Tierzähnen und Muscheln (Frauen)
– Rituale: Körperbestattungen und Einäscherungen, keine einheitliche Körperposition
FrühMesolithikum KULTUREN
Literatur
- Søren H. Andersen: Mesolithic dug-outs and paddles from Tybrind Vig, Denmark. In: Acta Archaeologica. 57, 1987, ISSN 0065-101X, S. 87–106.
- Søren H. Andersen: Norsminde, ein Muschelhaufen mit später Ertebølle- und früher Trichterbecherkultur. In: Jürgen Hoika (Hrsg.): Beiträge zur frühneolithischen Trichterbecherkultur im westlichen Ostseegebiet (= Untersuchungen und Materialien zur Steinzeit in Schleswig-Holstein und im Ostseeraum. 1). Wachholz, Neumünster 1994, ISBN 3-529-01844-9, S. 11–49.
- Søren H. Andersen, E. Johansen: Ertebølle revisited. Journal of Danish Archaeology 5, 1987, S. 31–61.
- Barry Cunliffe: Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas Campus Frankfurt 1996, ISBN 3-593-35562-0, S. 94, 112, 117, 130 ff, 146, 148.
- Inge Bødker Enghoff: Fishing in Denmark during the Ertebølle Periodxs. In: International Journal of Osteoarchaeology. Band 4, 1994, S. 65–96.
- Frederick Feulner: Evidence of Fishing in the Satrup Bog, Kr. Schleswig-Flensburg, Germany. In: Quartär. Internationales Jahrbuch zur Eiszeitalter- und Steinzeitforschung. Band 59, 2012, S. 165–174 (online).
- Karsten Kjer Michaelsen: Politikens bog om Danmarks oldtid. Kopenhagen 2002, ISBN 87-567-6458-8, S. 28.
- Raymond R. Newell, Trinette Constandse-Westermann: The significance of Skateholm 1 and Skateholm 2 to the Mesolithic of western Europe. In: Lars Larsson (Hrsg.): The Skateholm Project. Band 1: Man and Environment (= Kungliga Humanistiska Vetenskapssamfundet. Skrifter. 79). Almqvist & Wiksell, Stockholm 1988, ISBN 91-22-01103-X, S. 164–174.
- K. S. Petersen: The Ertebølle køkkenmødding and the marine development of the Limfjord with special regard to the molluscan fauna. In: Journal of Danish Archaeology 5, 1987, S. 77–84.
- Liv Nilsson Stutz: Embodied rituals and ritualized bodies, Tracing ritual practices in late Mesolithic burials (= Acta archaeologica Lundensia. Series in octavo. 46). Almqvist & Wiksell International, Stockholm 2003, ISBN 91-22-02037-3 (Zugleich: Lund, Universität, Dissertation, 2003).
- Jørgen Skaarup, Ole Grøn: Møllegabet 2, A submerged Mesolithic settlement in southern Denmark, 2004, BAR International Series 1328, ISBN 1-84171-673-1 PDF